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Neuer Tonstandard für TV-Spots:
R 128 versus R 68 / © NJP STUDIOS AG


Seit Anfang 2012 gibt es in der Schweiz und in verschiedenen europäischen Ländern einen neuen Tonstandard für TV-Spots: R 128. Anfänglich haben vor allem die französischen Sender TF1 und M6 sowie SRF R 128 eingeführt. Seit 1. September 2012 haben alle grossen TV-Stationen den Tonstandard gewechselt. Die meisten von Goldbach Media vertretenen Sender akzeptieren ab diesem Datum nur noch R 128. Schweizer Lokal-Sender werden R 128 vorerst nicht einführen, weshalb in naher Zukunft bei Bedarf jeweils 2 Mischungen gemacht werden müssen. Bei TV-Sendern mit R 128 Standard wird der komplette redaktionelle Inhalt auf R 128 gepegelt werden, also nicht nur die Werbung.
Was genau ist R 128? Alle sprechen davon, allerdings versteht niemand so genau, was der Unterschied zum alten Standard, R 68 genannt, sein soll. Bis anhin war die Pegelung von Spots einfach. Der Ton durfte -9 Dezibel full scale (dbfs) nicht überschreiten. Möglich waren deshalb auch -10 dbfs oder weniger. Der Spot wurde dann aber auch entsprechend leiser ausgestrahlt.

0 dbfs ist die technisch maximal mögliche Aussteuerung. So ist beispielsweise eine CD auf 0 dbfs ausgesteuert. Mehr geht nicht. Bei einer höheren Aussteuerung wäre der Ton auf der CD übersteuert und würde somit verzerrt wahrgenommen. Solange bei der Werbung der Maximalpegel von -9 dbfs nicht überschritten wurde, war alles zugelassen, wie etwa das Anheben der Bässe oder der Höhen etc., ansonsten wurde der Pegel entsprechend vom Sender angepasst.
In den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es mit diesem Pegel keine Probleme. Nur vereinzelte Pegelspitzen haben diesen Wert von -9 dbfs erreicht. Die Spots waren grundsätzlich dynamisch. Ab Mitte der 90er allerdings kamen für Tonstudios die ersten Geräte auf den Markt, mit denen eine extreme Kompression erzeugt werden konnte. Dies führte dazu, dass die Werbung immer lauter wurde, obwohl der Pegel von -9 db weiterhin nicht überschritten wurde. Wie war das möglich? Einerseits quetschte (komprimierte, verdichtete) man das Audiomaterial derart zusammen, dass keine Dynamik mehr vorhanden war. Es gab somit keine wirklich lauten oder leise Stellen mehr. Der Ton klebte förmlich an diesen -9 db. Zusätzlich konnte man mit Equalizing noch mittlere und hohe Frequenzen anheben. Mit einem sogenannten Brickwall-Limiter (Begrenzer) wurden diese -9 db nicht überschritten.

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Spot mit Brickwall Limiter, gepegelt auf -9 dbfs R 68, starke Kompression

Die Folge von dieser Technik war, dass Spotblocks im Gegensatz zum redaktionellen Inhalt bei den TV-Sendern immer lauter und aggressiver wurden. Dies führte zu Reklamationen bei den Zuschauern, die den Spotblock als zu laut empfanden und deshalb den Fernseher leiser machen mussten oder gleich wegzappten. Mehrere Kommissionen, unter anderem der EBU (European Broadcast Union) haben sich dieser Problematik angenommen. Wie konnte man das Hörerlebnis für den Zuschauer wieder verbessern? Mischungen, die überkomprimiert und im Frequenzgang scharf wirkten, müssen quasi bestraft werden. Das Resultat dieser etwa 3 Jahre dauernden Diskussion ist der neue Pegelstandard R 128. Der neue Pegel wird über den ganzen Spot bzw. Audioinhalt gemessen. Ähnlich wie bei der Kinowerbung wird die Lautheit über die Zeit gemessen. Mittige Frequenzen, die als unangenehm empfunden werden, werden in der Messung stärker gewichtet und treiben den Pegel hoch.
Ein anfänglich lauter Spot wird zunächst einen hohen Pegel erzeugen. Wird der Spot im Verlauf leiser bzw. ruhiger, wird sich auch der Pegel senken. Die Messung über den ganzen Spot ergibt am Schluss einen Durchschnittspegel, der von der EBU vorgegeben ist und nicht überschritten werden darf: -23 LUFS. Der Loudness Range ist eine zusätzliche Angabe für die Dynamik, ausgedrückt in LU. Starke Unterschiede zwischen lauten und leisen Stellen bedeuten auch einen hohen Loudness Range. Beim obigen Beispiel eines R 68 -9 dbfs gemischten Spots, ist die Loudness Range sehr tief (1.1 LU), da praktisch keine Dynamik vorhanden ist. Beim Loudness Range gibt es keine Vorgaben von der EBU. Theoretisch ist ein hoher Wert von 20 LU möglich.

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TV-Spot R 128 gemischt mit entsprechender Dynamik, wenig Kompression

Für die Konzeption eines TV-Spots bedeutet dies, dass vor allem durchgesprochene Spots im Spotblock eher leiser wahrgenommen werden. Wenn der Sprecher zusätzlich schreit, wird dies nochmals zu einer Absenkung der Lautstärke führen, eben weil mittige Frequenzen einen stärkeren Einfluss haben. Ein nach dem alten R 68 Standard gemischter Spot kann natürlich auch auf den neuen R 128 herunter gepegelt werden, der in einem Spotblock aber deutlich leiser wahrgenommen wird.

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Spot R 128 gemischt, durchgesprochen mit wenig Dynamik, wenig Kompression

Als Grundsatzregel kann gesagt werden, dass für den Konsumenten aggressiv wahrgenommene Mischungen mit viel Sprache und aufdringlichen Klängen/Tönen zu einem tieferen Pegel führen werden und in einem Spotblock leiser wahrgenommen werden. Ein gut gemischter und produzierter Spot nach R 128-Format wird vom Konsumenten hingegen als angenehm empfunden. Bereits seit etwa einem Jahr führen wir von NJP diverse Tests und Mischungen mit R 128 durch. Falls Sie an einer persönlichen Beratung oder Einführung interessiert sind, können Sie gerne einen Termin mit uns vereinbaren.

Zum Schluss noch zwei Beispiele aus der Musik.
Das erste ist ein R 128-Beispiel anhand des 1. Satzes des Requiems von Mozart. Der Loudness Range (17 LU) bzw. die Dynamik ist bei klassischer Musik entsprechend hoch, was grafisch sehr gut erkennbar ist. Sowohl bei der Darstellung als auch bei der Messung rechts sieht man die starken dynamischen Unterschiede des Werkes. Die Messung ergibt -20.4 LUFS, ist also für TV-Werbung und für den Sender 2.6 LUFS zu hoch und müsste entsprechend tiefer gepegelt werden.

njp.ch_Mozart_Requiem_R128_-20.4_LUFS
Mozart Requiem 1. Satz R 128 gemessen, keine Kompression, hoher Loudness Range

Bei einem weiteren Beispiel, einem Song von Madonna "Give It 2 Me" ist die Kompression so stark (ähnlich dem alten R 68 Standard), dass das Messresultat einen Pegel von -6.8 LUFS mit relativ geringer Loudness Range von 2.2 LU beträgt. Grafisch sieht man die Verdichtung förmlich. Für TV und Werbung würde dies bedeuten, dass der Track -16.2 LUFS abgesenkt werden müsste.


njp.ch_Madonna_R128_-6.8_LUFS
Madonna "Give It 2 Me" R 128 gemessen, sehr starke Kompression, tiefer Loudness Range